Gregor

Seit einiger Zeit beobachte ich einen Mann, mit dem ich die Zugfahrt zur Arbeit und wieder zurück teile. Zu meiner Schande muss ich ja gestehen, dass ich sehr gerne Menschen beobachte, sie studiere und immer wieder fasziniert bin, was unsere Spezies so für Exemplar hervor bringt.

Besagtem Mann begegne ich morgens am Bahnhof, in der Bahn, am Bahnsteig und beim Verlassen des Bahnhofes. Dies geschieht recht unregelmäßig, da ich meinen Fahrplan je nach meiner allmorgendlichen Verfassung gestalte, jedoch bekomme ich ihn jede Woche zwei- bis dreimal zu Gesicht.

Gerne möchte ich euch nun meine Beobachtungen schildern.

Dieser Mann, hmm, geben wir ihm doch einen Namen, vielleicht “Gregor”? Dieser Gregor wird morgens von seiner Frau oder Freundin vor dem Bahnhofsgebäude abgesetzt. Er steigt aus dem Auto aus und nimmt sofort seine gradlinige Haltung an, die ihn auszeichnet und durch die er auffällt. Er verabschiedet sich nicht beim Aussteigen, er sieht dem davonfahrenden Auto nicht nach, er dreht sich nicht einmal mehr um, sobald er das Fahrzeug verlassen hat.

Wenige Meter trennen Gregor von seinem ersten Tagesziel – dem Aschenbecher am Bahnhofseingang. Er zieht eine Zigarette aus der Jackentasche seines Anzuges, kein Päckchen, sondern nur eine einzelne Zigarette, nachdem er seine Aktentasche, neben sich, auf den Boden gestellt hat.

Gregor trägt immer Anzug, er trägt Anzug in Perfektion. Nie habe ich einen Anzug perfekter an einem Mann sitzen sehen, nie fiel der Stoff so anmutig, wirkte ein Anzug so passend und verlieh seinem Träger solch eine Geradlinigkeit. Gregor ist der klassische Anzugträger, er bevorzugt Einreiher in klassischen Farben, grau, schwarz, vielleicht noch dunkelblau und braun.

Seine Geradlinigkeit wird durch Gregors Frisur unterstrichen – er, der er auch Brillenträger ist, trägt Glatze. Ich vermutet, dass er keine Stunde zuvor, bei der allmorgendlichen Dusche, diese frisch rasiert hat und auch etwas Creme hat sein Haupt erfahren dürfen, da ein gewisser Glanz unverkennbar ist.

Unser Gregor, durchaus sportliche trainiert ist ca. Anfang 40 und steht also morgens am Bahnhofseingang und raucht. Er raucht aber nicht wie ein gewöhnlicher Raucher. Er steht weder lässig da, noch scheint er einen Genuss durch die Zigarette zu erfahren. Er steht einfach da, relativ starr und nur sein Arm hebt und senkt sich, um an der Zigarette zu ziehen. Das ist alles. Gregor schaut auch nicht während des Rauchens auf die Uhr, um sich zu vergewissern, dass er noch Zeit hat, bevor der Zug abfährt, er telefoniert auch nicht oder schreibt SMS, noch schenkt er den Menschen irgendwelche Beachtung, die an ihm vorbei gehen. In diesem Moment ist er ein Teil des Eingangsbereiches des Bahnhofs; Gregor, der Bahnhofseingang, die Zigarette und der Aschenbecher.Sobald er fertig geraucht hat, wirft er die Kippe in den Aschenbecher, ohne sie auszudrücken, hebt seine Tasche vom Boden und betritt das Bahnhofsgebäude.

Dadurch das ich ihn nie habe reden hören, nie telefonieren habe sehen, stellt sich mir die Frage, ob er sprechen kann. Ich weiß, dass er hören kann, da er auf die Durchsagen am Bahnhofsgleis reagiert.

Wenn Gregor zum Bahnsteig geht wirkt er sehr gerade dabei. Ab dem Becken ist er stocksteif und nur seine Beine bewegen sich beim Gehen. Er schwingt auch nicht mit den Armen oder wippt mit dem Oberkörper leicht vor und zurück. Dabei starrt er scheinbar stoisch in die Richtung, in die er läuft. Ob er zwinkert, vermag ich nicht zu sagen.

Und so sehen ich Gregor morgens und abends, gehend, wartend, sitzend, rauchend. Wobei ich noch eine Auffälligkeit bemerken konnte. Beim normalen Business man leidet der Anzug im Laufe des Tages, verrutscht, bekommt Flecken und wird knittrig. Nicht Gregors Anzug. Dieser sitzt am Morgen auf den Weg zu seiner Arbeit genauso gerade, wirkt sauber und faltenfrei wie auf dem Rückweg am Abend.

Aus all den Beobachtungen kann man eigentlich nur eine Schlussfolgerung hinsichtlich seiner beruflichen Tätigkeit ableiten: Gregor arbeitet als Schaufensterpuppe bei einem Herrenausstatter.

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