Ein kleines Vexierbild

Die Verwüstung in ihrem Garten betrachtend machte sie sich auf und kroch zwischen die Sträucher am Zaun. Dort hatte ihre Nachbarin einen ansehnlichen Haufen ihrer eigenen Splitter abgeladen. Sie zog einen Müllsack hinter sich her und las die Splitter ihrer Nachbarin schweigend auf. Anschließend zog sie den vollen Sack zu ihren eigenen, die schon an der Wand der Gartenlaube lehnten. Auf einen mehr oder weniger kam es nicht an. Sie drehte sich um und beobachtete ihre Nachbarin wie diese mit einer großen Schaufel das Loch in ihrem eigenen Garten wieder mit Erde füllte. Deren Krater erschien ihr viel kleiner als der ihre. Der letzte Granateneinschlag war der bisher stärkste gewesen. Sie hatte noch versucht sich in der Gartenlaube zu verschanzen, als aber die Scheiben barsten, war sie wieder nach draußen gelaufen, um Schutz zu suchen hinter dem Ginster. Und nun war alles wieder friedlich. Sie blickte zum strahlend blauen Himmel hinauf und fragte sich, wie es sein konnte, dass Stunden vorher noch ein Inferno gewütet hatte. Sogar die Vögel stimmten ihre Lieder wieder an. Von fern hatte sie das Geschwader zwar gehört, doch nicht damit gerechnet, dass diesmal auch ihr Garten bombardiert würde.

Die geborstenen Scheiben mussten ausgetauscht werden. Die Splitter aufgelesen werden. In anderen Gärten hatte sie sie auch noch Jahre später hinter irgendeinem Grashalm hervor blitzen sehen. Es musste soviel repariert und aufgeräumt werden. Fast der komplette Garten war verwüstet. Sie ahnte, dass es diesmal viel mehr Arbeit als sonst sein würde.

Zur rechten lag ein weites Kornfeld. Sie hatte den Duft der Ähren in der Nase. Freute sich daran, doch so ungeschützt wie jetzt wollte sie keinen Garten mehr bestellen. Noch so einem großen Angriff würde er nicht noch einmal standhalten können. Sie konnte dort nicht mehr bleiben.

Nachdem der Krater gefüllt, die Scheiben erneuert und die gröbsten Splitter eingesammelt waren, machte sie sich in der Laubenkolonie auf die Suche nach einem neuen Garten. Abgeschieden sollte er sein, geschützt von Bäumen und Sträuchern. Vielleicht mit einem Tor. Der Verwalter schüttelte ungläubig den Kopf, als sie ihr Anliegen vortrug. Hatte sie sich doch so wohl gefühlt mit dem Ginster zur einen und der Weite zur anderen Seite. Die meisten Laubenpächter hätten alle nur zu gern ihren Garten übernommen. Der Verpächter wollte sie überreden zu bleiben, doch sie blieb unbeirrbar und er konnte ihr nur eine kleine Parzelle am Ende der Kolonie anbieten.

Das schmiedeeiserne Tor war fast vollständig überwuchert. Durch die dichten Hecken konnte man nicht in das Innere des Gartens blicken. Schon lange war hier niemand mehr gewesen. Niemand wollte den abgelegensten Garten der Kolonie. Der Verpächter drückte ihr einen großen Schlüssel in die Hand und ließ sie vor dem Tor stehen. Es quietschte erbärmlich und sie kämpfte sich durch das Dickicht hindurch zu einer kleinen Laube. Einmal umrundete sie ihr neues Quartier. Ein Kirschbaum hinter der Laube, eine eingegrabene Zinkwanne, ein Apfelbaum mit einer Schaukel. Und über allem lag die Schwere eines Spätsommertages. Keine Stimme war zu hören, nur das Zwitschern der Vögel erinnerte sie daran, dass sie nicht allein war.

Sie zog ihr Buch aus der Tasche und legte sich ins Gras. An den Apfelbaum gelehnt, begann sie zu lesen. So vergingen die Tage und die anderen Laubenpächter tuschelten, wie sie wohl in diesem wilden Garten hausen konnte. Keine Kultur, kein Beet. Ihr war es einerlei. Schweigend genoss sie Tag für Tag den Schutz der hohen Hecken. Ab und an hörte sie eine der Detonationen in den angrenzenden Gärten, bemerkte, dass die Nachbarn ihre Splitter über den Zaun ins Dickicht warfen, doch das rührte sie kaum. Sie warf sie einfach auf den Komposthaufen hinter der Laube und verbrachte die Tage mit ihren Büchern.

Und dann kam der Frühling. Die herannahende Kraft der Sonne scheuchte sie aus ihrem Winterschlaf und bald schon war sie des Wildwuchses in ihrem Garten satt. Zu aller erst schnitt sie den Kirschbaum zurück. Sie fand uralte Splitter beim umgraben der feuchten Erde. Sie zog meterlange Schlingen aus der Erde, sammelte Steine. Beim Anblick der dichten Hecken überlegte sie, ob man sie nicht doch etwas stutzen sollte, beließ es aber vorerst dabei. Stattdessen pflanzte sie Stecklinge. In die Äste des Apfelbaums hängte sie ein Windspiel.

Eines Abends, als sie ihre Hände in der Zinkwanne wusch, hörte sie ein leises Surren. Sie kannte dieses Geräusch. Sie suchte zwischen den Zweigen den Himmel ab, konnte jedoch nichts erkennen. Also kümmerte sie sich auch nicht weiter darum, bis das Surren näher kam. Wieder blickte sie in den Himmel und schließlich entdeckte sie es. Noch eine kleine Weile beobachtete sie, wie das Geschwader seine Kreise langsam enger zog und ahnte das Ziel des Angriffs. Sie sah sich kurz um und huschte in die Laube. Saß mit angezogenen Beinen unter dem Fenster. Ein lauter Einschlag und schon wurde sie von einer Erschütterung erfasst. Die Scheiben klirrten leise und dann war wieder Stille. Regungslos blieb sie sitzen.

Als die Dämmerung einbrach, wagte sie einen Blick aus dem Fenster. Dort wo das Kräuterbeet entstehen sollte, klaffte ein kleiner Krater. Ungläubig trat sie aus der Tür und bestaunte den Schaden. Die hohen Bäume hatten die Wucht der Granate abgefangen und die Verwüstung schien nicht allzu groß. Alle Fenster der Laube waren noch intakt. Außer ein paar abgebrochenen Ästen und Splittern im Gras konnte sie nichts erkennen. Nach kurzem Hadern beschloss sie, in dem Krater einen Gartenteich anzulegen. Am nächsten Tag suchte sie die Splitter zusammen, schüttete Erde an den Rändern des Kraters auf. Eine Plane hinein. Wasser. Die Ränder wurden bepflanzt und zum Schluss noch ein paar Goldfische eingesetzt.

An manchen Tagen saß sie dann am Rande des Teichs mit den Füßen im Wasser und beobachtete, wie sich die Sonne im Wasser spiegelte. An anderen Tagen begann sie zögerlich, die Hecken zu den Nachbargärten etwas zu lichten. Jeden Tag ein klein wenig mehr. Dabei sammelte sie regelmäßig den ein oder anderen Splitter auf und trug ihn zum Komposthaufen.

Die Luft ist durchtränkt vom Geruch der Blumen. Sie ergötzt sich an den Schmetterlingen und allerlei Tieren, die den Weg zu ihr finden. Selbst die Nachbarn blicken wieder neidvoll über den Zaun auf ihr kleines Paradies. Es erfüllt sie mit Stolz und an jedem Tag schafft sie ein klein wenig mehr.

Eines Abends hört sie wieder das Surren. Und wieder sucht sie den Himmel ab. Noch kann sie nichts erkennen, doch ahnt sie, dass sie das Ziel ist. Schon bereut sie das zurück schneiden der Bäume, doch dafür ist es zu spät. Sie vernagelt die Fenster mit Brettern, bindet die Schaukel am Baumstamm fest. Die Goldfische holt sie mit einem Käscher aus dem Wasser und das Windspiel verstaut sie bei den Gerätschaften hinter der Laube. An den Apfelbaum gelehnt liest sie ihr Buch. Mehr kann sie nicht tun.

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