Die Wahrheit, was Schönes und jede Menge Glitzer

Vor einiger Zeit sagte ein recht schlauer Mensch zu mir, ich solle endlich aufhören, ständig Dinge zu tun, die ich nicht will…er sagte es sehr oft zu mir. Er sagte es so oft, bis ich endlich begann, es umzusetzen. Und ich mit jedem Schritt mehr Gefallen daran fand. Und er sagte, ich solle zur Abwechslung damit anfangen, zu sagen was ich denke (er ist wirklich schlau). Auch das gefällt mir. Und dann gibt es noch jemanden, der propagiert „die Wahrheit oder was Schönes“ (er ist auch schlau, aber dummerweise jemand, dem man seine Sicht aus der Nase ziehen muss). Das gefällt mir auch.

Doch das hat den einen oder anderen Haken. Machen Sie sich doch einfach mal die Mühe, setzen Sie sich in eine illustre Runde von ca. sex bis acht Personen und tun Sie kund, dass Sie die allgemeine Meinung für falsch befinden, zeichnen Sie dabei einen Gegenentwurf, setzen Sie noch eine kleine unschöne Wahrheit mit ein, bleiben Sie beharrlich und lehnen Sie sich entspannt zurück…nun gibt es mehrere Möglichkeiten. Sollten die Anwesenden weiter denken können als zur Tür, kann der Abend sicherlich bezaubernd werden. Wenn der Horizont dagegen etwas beschränkt ist, werden Sie in eine unschöne Diskussion verwickelt und im schlimmsten Falle bei Abwesenheit durchs Dorf getragen und für störrisch befunden. Damit kenne ich mich bestens aus. Für die zweite Möglichkeit braucht man eine gehörige Portion Ignoranz, starke Nerven und man sollte sich nicht dazu hinreißen lassen, dass Gesagte um des lieben Frieden willens zu relativieren. Dabei ertappe ich mich manchmal…ich mache dann so viel Glitzer drauf, bis wir uns alle wieder lieb haben. Nerven sind aus, dafür ist Glitzer vielseitig einsetzbar und hilft fast immer…bei offenen Wunden ist doch eher ein Pflaster zu empfehlen.

Um so etwas nicht tun zu müssen, sollte man sich Gesprächspartner suchen, mit denen man einen gewissen Gleichklang hat oder einfach den Mund halten. Das übe ich gerade. Ich übe gerade eine Menge. Ich sehe ein, dass der Großteil meiner Mitmenschen an abweichenden Meinungen nicht interessiert ist. Ich übe Schweigen. Schweigen ist Anpassung. Blöderweise funktioniert Anpassung auch noch besser. Schweigen macht das Leben einfacher. Mein Erfolg ist noch etwas überschaubar, doch ich bin ja erst am Anfang. Zwar fühle ich mich dabei erbärmlich, aber es funktioniert mit einem unendlich Vorrat an Glitzer.

Auch habe ich wieder verstärkt damit begonnen, Dinge zu tun, die ich nicht will. Auch das macht mein Leben einfacher. Nicht unbedingt schöner, aber einfacher. Ich mache es, versuche nicht allzu sehr darüber nachzudenken und ich werde dafür viel mehr geliebt (ich versuche gerade nicht ganz zu sentimental rum zu heulen) und erspare mir lästige Diskussionen.

Ich stelle mir vor, dass ich als Kollektivschwimmer gar keine so schlechte Figur abgebe. Weniger unentspannt. Niemand kann behaupten, ich sei störrisch und ich werde geliebt. Niemand muss in den Verteidigungsmodus gehen oder Reptilstarre aufsetzen. Kein betretenes Schweigen mehr (obwohl ich das immer recht spaßig fand). Meine Umwelt muss sich nicht mehr sorgen, ob ich an richtiger Stelle das “falsche” sage (so als kleine ZufriedenheitsGarantie für meine geplagten Mitmenschen). SmallTalk kann ich ja sehr gut, stelle das Denken weitest gehend ein, schütte Glitzer in meinen Kopf und passe auf, dass er mir nicht zu den Ohren wieder heraus rieselt. Dann habe ich weniger Tinitus und vielleicht ist es besser für die Haut. Dafür wird sich meine Frau Mama wahrscheinlich die allergrößten Vorwürfe hinsichtlich meiner Erziehung machen, aber der Rest eben nicht. In den Spiegel muss ich morgens auch nicht unbedingt sehen, denn das kenne ich ja schon. Mehr Kraft als bisher wird das schon nicht kosten und es ist nicht mehr ganz so elementar wie die Frage „heute atmen oder nicht“. Rum sitzen und gut aussehen kann doch alles sein.

 

5 Gedanken zu “Die Wahrheit, was Schönes und jede Menge Glitzer

  • 7. Juni 2012 um 14:33
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    Meinst Du nicht, daß Dich Dein “Rückzug” beizeiten langweilen wird?

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  • 10. Juni 2012 um 12:21
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    Mein Lieber es geht nicht darum, ob und ab wann mich das langweilen wird. Auch nicht darum, ob es mir überhaupt gefällt oder ob ich das für mich mache…manchmal tut man eben Dinge für andere. Für das Ego der anderen oder für was auch immer…

    Antwort
  • 15. Juni 2012 um 09:50
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    Liebes Frl. S, so schön es auch sein mag, etwas für andere zu tun, so mögest doch trotzdem Du nicht dabei auf der Strecke bleiben! Deine Unzufriedenheit stiege in ungeahnte Höhen….

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  • 21. Juni 2012 um 11:51
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    Ach was, ich tue nur manchmal so. Eigentlich bin ich alt…

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