Das Inferno in mir

Liebes,

dachtest du wirklich, du wirst mich los? Dachtest du
wirklich, du lässt mich zu Hause zurück? Zweitausend
Kilometer halten mich doch nicht auf, um bei dir zu sein. Ja
und zur Strafe habe ich es dir so richtig versaut. Es war
spannend zu beobachten, wie sich deine Finger immer
fester um die Reling klammerten und du darüber nach
dachtest zu springen. Den Seegang verträgst du nicht so
gut. Und dann kam auch noch ich. Das hat dich
umgehauen. Gerade im rechten Moment habe ich dann
doch abgelassen von dir. Du hättest dich sehen sollen, als
du dann dort im Mietwagen gesessen hast. Wie einem
kleinen Mädchen lief dir der Rotz aus der Nase und die
Tränchen kullerten. Du konntest nicht atmen. Ich habe dir
die Luft genommen und irgendwann vielleicht auch den
Verstand. Ich finde dich schön, wenn du weinst.

Da staunst du wohl, was dreißig Millimeter mehr in deinem
Körper anrichten. Liebes dachtest du wirklich, du hast nun
eine Diagnose und wirst mich los? Nein so einfach ist das
aber nicht. Ich lasse dich nicht springen und ich lasse dich
nicht los. Zu beobachten, wie du dich nachts einrollst und
krümmst, bis ich dich fast deinen Namen vergessen lasse.
Du schaffst kaum die unzähligen Treppen hinauf zu deiner
Wohnung. Du sagst, ich koste dich viel Kraft. Dafür bin ich
da. Ich bin gern der Überraschungsgast auf deiner Party.
Plötzlich stehe ich in dir. Ich schaffe mir Platz in deinem
Körper. Genieße es, meine Zähne in das rohe Fleisch zu
rammen. So nennst du es doch. Ein Inferno. Ein Genuss, in
deinem Blut zu waten. Damit habe ich dich gezeichnet.
Spuren auf deinem hübschen Gesicht hinterlassen. Die
beiden Furchen zwischen deinen Augenbrauen sind von mir.
Die Ringe unter deinen Augen. Ich mag dich. Ich mag es
sehr, mich in deinen wunden Körper zu kuscheln. Mich in
dir zu wiegen, während wir uns ausruhen und neue Kräfte
sammeln. Du für mich und ich für dich. Wir beide haben es
weit gebracht. Du würdest springen wegen mir. Doch ich
lasse dich nicht springen. Schließlich bin ich dein Freund.
Freunde lassen einander nicht springen. Das weißt du doch.

Von Zeit zu Zeit denke ich an deine unzähligen Versuche,
meiner Herr zu werden. Die unzähligen Pillen und Tropfen.
Erinnerst du dich noch an diesen widerlichen Tee, den du
zweimal täglich in dich rein gewürgt hast? Monatelang. Ich
habe es gleich gewusst. Den Reikimeister fand ich am
besten. Ich würde heute noch gerne wissen, wie er merkte,
was du alles schluckst und wie viel. Jeder Anhängige würde
staunen, wenn er dich sehen könnte, wenn du im untersten
Winkel deiner Handtasche noch eine Pille findest. Du
deponierst sie überall für mich. Dabei verstehe ich einfach
nicht, warum du solche Angst vor mir hast. Ich bin doch
dein Freund. Ich lasse dich nicht springen und ich lasse
dich nicht allein.

In Liebe

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